I – Aus der Schublade!
Wir glauben, dass viele Studierende geisteswissenschaftlicher Fächer sich in ihren Seminar- oder Abschlussarbeiten und Forschungsprojekten Kulturphänomenen der jüngeren Zeit mit akademischen Methoden widmen. Bei den vielen Jahrhunderten, die die Geisteswissenschaften zu erforschen haben, ist es kein Wunder, dass die letzten 20 Jahre nur einen geringen Teil der Forschungsgegenstände liefern. Doch genau Werke dieser Zeit begegnen uns jetzt im Alltag und im späteren Berufsleben am häufigsten. Wir finden es schade, wenn spannende Arbeiten darüber in der Schublade verschwinden. Deshalb wollen wir eine interdisziplinäre und institutsübergreifende Plattform für deren Präsentation schaffen, ganz einfach weil uns selbst die Ergebnisse sehr interessieren und wir sie gerne diskutieren würden.

II – Warum schon wieder ‚Pop’?
Unsere Themenvorgabe lautet ‚Pop’, weil wir hoffen damit fassen zu können, dass es uns um das kulturelle Leben geht, das den Studierenden alltäglich begegnet. Wichtig ist uns dabei das Bewusstsein, dass ‚Pop’ auch Merkmale wie ‚Sub-’ oder ‚Trivial-’ unter sich vereinen kann. Diverse Lehrveranstaltungen an der CAU sind derartigen Gegenständen gewidmet: die ‚Vorlesung mal anders’ der Medienwissenschaften, eine Übung zu Comics des Kunsthistorischen Instituts, ein Seminar zu Christian Kracht der Neueren Deutschen Literatur oder ein interdisziplinäres Seminar zu Comicforschung der Anglistik, der Neueren Deutschen Literatur und Medien und der Kunstgeschichte um nur wenige aktuelle Beispiele zu nennen.
Dabei mag man sich an der Unschärfe des Pop-Begriffs stoßen, es ist allerdings kaum zu bestreiten, dass zahlreiche Werke häufig intuitiv mit diesem Stempel versehen werden. Wir haben den Ausdruck gerade wegen seiner Offenheit als aussagekräftiges Kriterium gewählt. ‚Pop’ als Bezeichnung für den Gegenstand unseres Interesses empfinden wir als notwendig und hinreichend. Grenzen können und wollen wir nicht ziehen, es gilt immer ein ‚eher’. So denken wir ‚eher’ an bildende Kunst jenseits des Kanons, die ‚eher’ an Orten wie dem Lessingbad in Kiel oder dem Gängeviertel in Hamburg sichtbar ist. Wir denken ‚eher’ an Musik jenseits der etablierten Konzertsäle, die ‚eher’ in kleinen Klubs oder großen Stadien zu hören ist. Diese Liste ließe sich noch lange fortführen. Wir wollen das Medium des untersuchten ‚Pop-Kunst-Werks’ in keiner Weise vorgeben. Allein die Gegenwärtigkeit ist unsere Bedingung. Es geht uns also um die Betrachtung von und gemeinsamer Auseinandersetzung mit künstlerischen Phänomenen unserer Zeit aus geisteswissenschaftlichen Perspektiven.

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III – Wann wird Pop interessant? Kant und Comics. Ein Beispiel.

Unser Vorschlag für ein ästhetisches Kriterium zur Gegenstandsbestimmung ist Douglas Wolks Interpretation von Kants Ästhetik in seiner Kritik der Urteilskraft. Dieser versucht eine Kunsttheorie des Comics (einem Medium, das in all seinen Ausprägungen traditionell dem ‚Pop’ zugeordnet wird, was es für einen solchen Versuch besonders passend macht) zu entwickeln. Er bezieht sich dabei auf die Begriffe des ‚Angenehmen’, ‚Guten’, ‚Schönen’ und ‚Erhabenen’. Er beschreibt den ‚Mainstream’ der Popkultur als angenehm, gut und schön, weil es sich dabei um Produkte handelt, die ein möglichst breites Publikum ansprechen und von einer noch größeren Masse schlicht toleriert werden.
‚Erhabenen’ Werken dagegen, so Wolk, wohnt eine gewisse ‚Hässlichkeit’ inne, die entweder durch formale oder inhaltliche Kriterien verwirklicht ist. Er beschreibt zum Beispiel einen Comic mit einem „unironically beautiful, smooth, likeable visual style“ (S. 54), der trotzdem zu der erhabenen Kategorie gehört: „Where he found his ugliness was in the content of his stories, which are endless, agonizing psychological nightmares.“ (S. 54) So bereitet also eine verstörende Geschichte oder groteske Zeichnungen mit Kants Worten ausgedrückt ein erhabenes ästhetisches ‚Gefühl der Lust’, während der Mainstream mit den muskulösen Superhelden, die am Ende immer den Bösewicht besiegen, über das ‚Angenehme’, ‚Gute’ und ‚Schöne’ nicht hinaus kommt.
Was nun das ‚Hässliche’ erhaben macht, ist, dass es nicht in erster Linie auf etwas anderes, sondern auf sich selbst verweist: „Sublime things give a kind of pleasure that’s also a kind of terror (and their viewers’ reactions vacillate between the two, rather than being unalloyed pleasure) – they’re too big to wrap one’s brain around.“ (S. 56) Das Werk behält eine gewisse Rätselhaftigkeit: „There is a pleasure, in fact, in giving one’s attention over to someone else’s storytelling voice, and ugly cartooning also directs its reader to the intentionality of the cartoonist’s style: the sense that a particular person is in charge of determining what you’re looking at.“ (S. 58f.) Wolk macht hier einen Unterschied zwischen Autor_innen-Comics und Rezept-Comics. Zöge man das ‚Hässliche’ als Qualitätsmerkmal heran, wäre ein interessanter Gegenstand für einen Vortrag im Kolloquium ein ‚hässliches’ Werk, das aus unterschiedlichsten Gründen mit tatsächlich kommerziell angelegten ‚Pop-Kultur-Produkten’ in einer Schublade landet.
(Zitate aus: Douglas Wolk: Reading comics. How graphic novels work and what they mean. Philadelphia 2007.)

IV – Wie soll ein solches Kolloquium konkret funktionieren?

Der Arbeitskreis Pop-Kolloquium versteht sich als interdisziplinäres, institutsübergreifendes Projekt. Das Kolloquium wird an jedem dritten Mittwoch im Monat jeweils um 18:30 in WSP 2, Raum 110 stattfinden, auch während der vorlesungsfreien Zeit. Grundsätzlich wünschen wir uns, dass Studierende ihre Arbeiten oder Forschungsvorhaben vorstellen, anschließend Fragen beantworten und dann an einer offenen Diskussion darüber teilnehmen. Denkbar ist auch das gemeinsame Besprechen eines Werks, das vorher von allen rezipiert wurde, ähnlich wie in einem Seminar. Die Vorträge müssen auf ein akademisches, aber fachfremdes Publikum abgestimmt sein.