# 1 | 26. Juni 2013

Julia Ingold: Zeichentheorie und Poetik in Craig Thopmsons Graphic Novel Habibi

Das Erzählen in Craig Thompsons Habibi dreht sich um die erzählenden Zeichen und um das Verfahren des Erzählens selbst. Neben den ‚klassischen’ Codes von lateinischer Schrift und mimetischer Zeichnung enthält dieser Comic arabische Kalligrafie als erzählende Zeichen. Dabei zeigt sich, dass das dritte Element nur eine Tatsache betont, die ohnehin in der neueren Comicforschung beachtet wird: Dieses Medium verfügt über ein eigenes Erzählvokabular, das weit über eine einfache Kombination aus Buchstabe und Bild hinausgeht. Das Erzählte und das Medium sind interdependent. Wie sich diese Relationen konkret in Habibi gestalten, ist anhand einschlägiger Beispiele auszuführen. Besonders beachtet werden muss dabei ein arabischer Talisman, der die Gliederungsgrundlage für die Erzählung bildet. Das ‚Buduh’ ist ein magisches Quadrat, in dem drei mal drei arabische Schriftzeichen eingeschrieben sind. Jedem dieser Buchstaben ist ein Kapitel gewidmet, in dem es als gestalterisches und narratives Leitmotiv fungiert. Ich möchte in meinem Vortrag zeigen, wie in der grafischen Inszenierung von Habibi die vollkommene Aufhebung der Trennung zwischen Inhalt und Form vorgeführt wird.

Literaturempfehlungen zum Thema:
Frahm, Ole: Weird Signs. In: Theorien des Comics. Ein Reader. Hg. von Barbara Eder, Elisabeth Klar, Ramón Reichert. Bielefeld 2011, S. 143-159.
Magnussen, Anne: Die Semiotik von C. S. Peirce als theoretisches Rahmenwerk für das Verstehen von Comics. In: Theorien des Comics. Ein Reader. Hg. von Barbara Eder, Elisabeth Klar, Ramón Reichert. Bielefeld 2011, S. 171-185.
McCloud, Scott: Understanding Comics. New York 1993.

# 2 | 17. Juli 2013

Nick Glas: Die Neue Welt – Versuche einer veränderten fotografischen Wahrnehmung bei Wolfgang Tillmans

Bei gleißendem Sonnenschein – und das ist, wie wir alle wissen, nicht der Standard hier in der Gegend ;o) – haben wir uns an diesem Abend in einem kleinen Seminarraum mit geschlossenen Vorhängen verschanzt, um uns von Nick von innen erleuchten zu lassen. Das will schon etwas heißen, dass sich nicht wenige Freund_innen der Konversationskunst in die Dunkelheit begeben haben und zwei Stunden lang nicht müde wurden ihre Kunst zu üben. Nämlich: wir haben Bock! Wir haben diskutiert was überhaupt eine Fotografie ist und wann ein Fotopapier beginnt eine Skulptur zu werden. Wir nehmen ab jetzt Farb- und Lichtphänomene, die uns im Alltag begegnen mit ganz anderen Augen wahr und wenn wir ins Museum gehen, können wir über Roland Barthes fachsimpeln…

# 3 | 21. August 2013

Heinrich Wolf (B.A.): Pop als Text – Perspektiven einer erweiterten Fiktionstheorie

Wie lustigerweise bisher bei jeder unserer Zusammenkünfte der Fall war, drohte auch bei unserem dritten Streich die Sonne uns die Gäste streitig zu machen, doch auch an diesem lauschigen Augustmittwoch fanden zahlreiche Menschen den Weg zum WSP 3. Diesmal lauschten wir einem anspruchsvollen Vortrag von Heinrich Wolf über Fiktionstheorie und was das alles mit Pop zu tun hat, freuten uns über die zahlreichen Katzen-GIFs in der Präsentation (These: Katzen sind Pop) und diskutierten bei Limo und Bier bis spät in die Nacht (also bis 21 Uhr :) ) über Fiktionssignale, wo sie sich versteckt halten und was passiert, wenn man sie nicht erkennt. Genauso kam immer wieder die Frage auf, was denn dieses ‚Pop‘ eigentlich sein soll. Genau das tatsächlich auszudiskutieren, war eigentlich nie Ziel unseres Kolloquiums, aber wir müssen wohl die Konsequenzen aus dieser immer wieder auftauchenden Frage ziehen und haben beschlossen, eine der kommenden Sitzungen (die im Januar!) genau dieser Frage zu widmen. Wie genau das aussehen wird, wird euer Lieblingskolloquiumsteam in absehbarer Zeit entscheiden und euch mitteilen. Bis dahin freuen wir uns auf die nächste Sitzung und genießen den Restsommer :) .

# 4 | 18. September 2013

Henry Weidemann: Kino und Architektur am Beispiel der Filme Michael Manns

Die Funktionen von Architektur im massenkompatiblen Film haben uns bei Michael Mann voll und ganz überzeugt. Nach einer kleinen Einführung in dessen Werk und Filmographie zeigte Henry Weidemann die ersten Ausschnitte aus Heat (1995) und Collateral (2004). Neben der auffälligen Inszenierung von Nicht-Orten (Marc Augé) wurden die typischen Themen und Motive herausgearbeitet: Männer bei der Arbeit, Sehnsucht nach einem bürgerlichem Leben/Familie, Stärke zeigen, Schwächen unterdrücken, zunehmende Medienbestimmtheit. Die Architektursprache der Postmoderne fungiert hier als Verstärker der Charaktere und kann von einem Museumsbau zu einem Designer-Gefängnis mit Designer-Häftlingen verwandelt werden, ohne dass es dem Zuschauer – durch den von Michael Mann gewählten Ausschnitt – bewusst wird. Mit 20 Teilnehmenden haben wir einen Rekord aufgestellt und hoffen, dass Ihr weiterhin so zahlreich erscheint! Wir freuen uns über Eure Beiträge!
Literaturempfehlungen zum Thema:
Robert Arnett: The American City as Non-Place: Architecture and Narrative in the Crime Films of Michael Mann, in: Quarterly Review of Film and Video, 27, 2010, S. 44-53.
F.X Feeney/ Paul Duncan: Michael Mann, Köln 2006.
Scott Foundas: A Mann’s Man’s World. LA Weekly (Online Quelle).
Mark Gelernter: A History of American Architecture. Buildings in their central and technological context, Manchester 1999.
Wolf Jahnke: Los Angeles. Mit Hollywood durch LA, Marburg 2011.
Steven Rybin: The Cinema of Michael Mann, Plymouth 2007.

# 5 | 16. Oktober 2013

Rosa Wohlers: Kalimán, el hombre increíble – Konstruktion einer Alternatividentität oder unendliche Wiederholung des Traumas?

Mit dem mexikanischen Superhelden Kalimán widmeten wir uns bereits zum zweiten Mal dem weiten Feld der Comics und füllten damit nicht nur den Seminarraum (bis auf den letzten Platz), sondern konnten sogar Hamburger Comic-Experten in unseren Reihen begrüßen. Rosa Wohlers eröffnete uns einen kulturwissenschaftlich orientierten Zugang und griff zunächst die gängige These auf, dass Kalimán ein latent rassistischer Comic sei, der soziale Ungleichheiten widerspiegele und damit gar stärke. Dies zeige schon sein Äußeres: Denn obgleich Kalimán in Mittelamerika zur Allgemeinbildung gehört (sogar Parteien werben mit ihm), weise er keine indigenen Merkmale auf, sondern habe eindeutig westliche Züge, über die selbst seine orientalisch anmutende Kleidung nicht hinwegtäuschen könne. Auf diese Weise ergibt sich die Vermutung, dass Kalimán das in der Gesellschaft verankerte Trauma westlicher Dominanz wiederhole. Rosa problematisierte diese Auffassung und versuchte die Popularität Kalmináns mit dessen kultureller Neutralität zu erklären, welche eine Alternative zu den durch Nationalismus und Rassismus aufgeladenen Diskursen der Zeit geboten habe: Im Mexiko der 60er Jahre, welches nach wie vor durch den politischen Versuch, die kulturelle Heterogenität des Landes zu glätten, geprägt war, konnten die Rezipient_innen sich so mit einem Superhelden identifizieren, der Konzepte kultureller Identität ausklammerte, sodass Kalimán tatsächlich die Möglichkeit eröffnet haben könnte, dem Rassismus entgegenzuwirken. Im Anschluss zeigte sich die Zuhörerschaft äußerst wissbegierig (Wie reist Kalimán eigentlich zu seinen „Einsätzen“?) und diskussionsfreudig. Ganz der Tradition entsprechend ließ man den Abend im (mit so vielen hungrigen Teilnehmer_innen inzwischen etwas überfordert wirkenden) Kitty Rock Belly Full ausklingen.

# 6 | 20. November 2013

Benjamin Hein: Nazis im Pop – von historischen Verbrechern zu beliebten Medienstars

Ob in den Berichten von Kriegsheimkehrern, bei der Suche nach dem Heiligen Gral, bei einem Besuch der Star Trek-Crew auf einem fernen Planeten, beim Wellenreiten an der amerikanischen Westküste oder in den Ferien in einer norwegischen Blockhütte, überall trifft man auf sie: Nazis. Warum sie nicht tot zu kriegen sind und welchen Wandel sie in Darstellung und Funktion erfahren haben, soll mit einem kleinen Ritt durch knapp 60 Jahre Pop erläutert werden.

# 7 | 18. Dezember 2013

Zara Zerbe: Für immer Punk? Äs­the­tik und Szen­e­li­te­ra­tur­dis­kurs in Jan Offs Vor­kriegs­ju­gend – 200 Gramm Punk­rock

Punkrock-Haarpflege vom Profi

Können Punks Romane schreiben? Ist das nicht eher eine Betätigung für höhere Söhne und Töchter? In der kommenden Sitzung werfen wir einen Blick auf Jan Offs Werk „Vorkriegsjugend“, das sich problemlos mit dem Stempel „Punk-Roman“ versehen lässt. Die Vermutung, dass in einem solchen Roman nicht nur Punkrock™ thematisiert wird, sondern auch in der inneren und äußeren Gestaltung gewisse Authentizitätsbeweise erbracht werden (müssen), liegt hier nahe. Und was passiert eigentlich, wenn große Verlage plötzlich ihr Stück vom Subkulturenkuchen abhaben wollen? All dies und noch einiges mehr erfahrt ihr auf einem kleinen Spaziergang durch die abseitigen Pfade des literarischen Feldes.

Wer sich im Vorfeld schon einmal musikalisch einstimmen möchte, dem sei dieses kleine Mixtape empfohlen.

Literaturempfehlungen zum Thema:
Baßler, Moritz: »Das Zeitalter der neuen Literatur«. Popkultur als literarisches Paradigma. In: Corinna Cadulf, Ulrike Vedder (Hg.): Chiffre 2000 – neue Paradigmen der Gegenwartsliteratur. München 2005, S. 185–199.
Büsser, Martin: »Ich steh auf Zerfall«. Die Punk- und New-Wave-Rezeption in der deutschen Literatur. In: Text+Kritik. Zeitschrift für Literatur. Sonderband Pop-Literatur. Hg. von Ludwig Arnold. München 2003, S. 149–157.
Kaulen, Heinrich: Jugendliche Lebenswelten im Spiegel der deutschsprachigen Popliteratur seit den 1990er Jahren. In: Mitteilungen des deutschen Germanistenverbandes. 55/2008/ Heft 2, S. 120–142.
Stahl, Enno: Trash, Social Beat und Slam Poetry. Eine Begriffsverwirrung. In: Text+Kritik. Zeitschrift für Literatur. Sonderband Pop-Literatur. Hg. von Ludwig Arnold. München 2003, S. 258–278.

# 8 | 15. Januar 2014

Va­rious Ar­tists: Was ist Pop? Eine Grund­satz­dis­kus­si­on

Die Diskussionen unserer Sitzungen tendierten dazu, in eine Grundsatzdiskussion über den Gegenstand zu münden, frei nach dem Muster: „Ist das jetzt eigentlich Pop, beziehungsweise was ist eigentlich Pop?“ Und in der Tat scheint es, als habe man ein intuitives Verständnis davon, was Pop ist, versucht man jedoch dieses zu artikulieren oder gar zu begründen, gerät man schnell ins Stocken. Da also das Interesse an theoretischen Vorstößen in den Pop-Dschungel vorhanden ist, was ist da naheliegender als eine konzeptionelle Theorie-Sitzung zu veranstalten? Dabei wollen wir keineswegs ewige Weisheiten dozieren, vielmehr haben wir den Anspruch, Licht ins Dunkel zu bringen, also Missverständnisse aufzulösen, so die Diskussion auf ein (theoretisch) höheres Niveau zu bringen und allen Teilnehmenden die Möglichkeit zu geben, diesen Weg mitzugehen.

# 9 | 19. Februar 2014

Svenja Scherer: Comics im Mittelalter – Mittelalter in Comics. Zur Verbildlichung des Sagenstoffs von Dietrich von Bern.

Gibt es schon im Mittelalter Comics? Zahlreiche der uns überlieferten Handschriften enthalten außer Text aufwendige Illustrationen und Bilder, die das Lesen vereinfachen, unterhalten und die Wertschätzung der Rezipient_innen steigern sollen. Bei einigen Werken ist der Bilderanteil so hoch, dass die Geschichten auch ohne Text ‚lesbar‘ sind. Mit der Handschrift Cod. Pal. germ. 67, die den Sagenstoff Dietrichs von Bern erzählt, wird der Frage nachgegangen, inwieweit sie als mittelalterlicher Comic gelesen werden kann. Dietrichs Geschichte inklusive ihrer bildlichen Bearbeitungsmöglichkeiten interessiert auf der anderen Seite bis heute – was an dem im Jahr 2010 erschienenen Comic Dietrich von Bern von Peter Wiechmann und Rafael Méndez aufgezeigt werden soll.

# 10 | 19. März 2014

Pro­jekt Me­di­en­wis­sen­schaft: Der Herr der Ringe – neue Trai­ler, neue Gen­res? Über­le­gun­gen zum Ver­hält­nis von Musik, Film­schnitt und Genres

Christian Knoeppel, Rabea Koch, Meike Langkafel und Christian Steiner aus der Kieler Medienwissenschaft präsentierten uns wie mit Schnitttechniken, musikalischen und dramaturgischen Mitteln aus dem Fantasy-Epos Der Herr der Ringe ein Horror-, Heimat-, SciFi- oder B-Movie-Trailer gemacht werden kann. Wir erhielten einen Eindruck, was einen Trailer eigentlich ausmacht, welche Rolle Genres in ihrer assoziativen Wirkungsmacht spielen und wie mit Montagetechniken und musikalischer Untermalung in nur wenigen Minuten die Aufmerksamkeit des Zuschauers gelenkt wird. Dann durften wir die frisch zusammengeschnipselten Trailer der Medienwissenschaftler_innen begutachten. Auf wirkungsvolle Weise wurde das Auenland zum Ort des Grauens, der ‚eine Ring‘ zum Portal zu fremden Welten, das Hobbit-Duo Merry und Pippin zu Country-Musikern und das Volk der Elben zu üblen Weltraumnazis. Wir haben uns über Euer zahlreiches Erscheinen gefreut – bis auf wenige Plätze war der Hörsaal der Kunstgeschichte ausgebucht.

# 11 | 16. April 2014

Kris­tin Steen­bock (HH): Ele­men­te des Pop bei Rai­nald Goetz

Auf Grundlage der 2012 von Thomas Hecken formulierten Pop-Bestimmung sollen die spezifischen Ausprägungen von Pop in den beiden Projekten »Heute Morgen« und »Schlucht« von Rainald Goetz analysiert werden. Zu zeigen ist, dass auch das neuere Werkprojekt Goetz’ entgegen der Annahme des deutschen Feuilletons, das Goetz nurmehr als »früheren Popautor« apostrophiert, unter die Kategorie Pop gefasst werden kann. Der bislang kaum erforschte Werkteil »Schlucht« soll erstmals in seiner Gesamtheit beleuchtet werden, wobei sich das Erkenntnisinteresse sowohl auf den Text als auch auf den Paratext richtet. Zu analysieren sind u. a. die spezifischen Ausformungen des verlegerischen Peritextes sowie die öffentliche Performanz des Autors.

# 12 | 21. Mai 2014

Swet­la­na Wol­ters: The Gol­den Age Of Gro­tes­que – Gott­fried Heln­wein & Ma­ri­lyn Man­son | Re­zep­ti­on der 1930er-​Äs­the­tik zwi­schen Tra­di­ti­on und Tri­via­li­tät

The Golden Age of Grotesque ist das Resultat einer ungewöhnlichen Kooperation, hinter dem sich weit mehr als nur das gleichnamige Album von Marilyn Manson verbirgt. In enger Zusammenarbeit mit Gottfried Helnwein entsteht zwischen 2002 und 2005 eine medienübergreifende Werkreihe, welche die Atmosphäre eines Europas zwischen den Weltkriegen retro-avantgardistisch zu neuem Leben erweckt. Die Auseinandersetzung mit der kulturellen Blütezeit und ihrem Untergang genießt nicht nur Einzug in Mansons Songs und Helnweins Bilder, sondern mündet auch in gemeinsamen Videoprojekten. Helnwein und Manson kokettieren mit der Attitüde der Dekadenz und aufkommender expressionistischer Strömungen, wagen Spielereien nach dem Dada-Prinzip und jonglieren mit Ästhetiken totalitärer Regime – wobei sie scheinbar willkürlich Banales kombinieren oder sich akribisch genau an (kunst-)historische Vorlagen halten. Die breite Palette der hervorgegangenen Arbeiten wird unter die Lupe genommen und exemplarisch einigen Vorlagen gegenübergestellt.

# 13 | 18. Juni 2014

Frie­de­ri­ke Kopp: Buch- und Film-​Trai­ler von Frau­ke Fins­ter­wal­der und Chris­ti­an Kracht

Filmplakat

Die Sprache im Roman ‚Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten‘ (2008) von Christian Kracht nimmt eine ästhetische Funktion ein. Für ebendiesen Roman animierte Frauke Finsterwalder einen Buchtrailer, der als Muster des Buches gelten kann. Mit ‚Finsterworld‘ (2013) ist erstmals ein Spielfilm des Künstlerpaares entstanden. Die beiden Werke sollen eigenständig untersucht und deren Entstehungshintergründe mit Hilfe des Paratextes dargelegt werden. Die ästhetischen Konzepte und die Verfolgung einer künstlerischen Idee werden im Kolloquiums-Vortrag exemplarisch aufgezeigt und diskutiert.

Hier geht’s zu den Trailern:

Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten

Finsterworld

# 14 | 16.​ Juli 2014

Ben­ja­min Hein: Die Re­nais­sance des My­thos im Pop | Von UFOs und an­de­rem Über­na­tür­li­chen

Als die sowjetische Kampfflugzeugpilotin Marina Popowitsch am 20. September 1977 ein außerirdisches Flugobjekt zu sehen glaubt, fängt sie an, Berichte von Kollegen zu sammeln, die Ähnliches erlebt haben. Diese gibt sie in einem Buch heraus. Abseits von Roswell und vermeintlich gefilmten Alienautopsien hat sich die Vorstellung von Außerirdischen tief in das Bewusstsein der Menschheit gegraben. Abseits von den angeblich geschehenen Ereignissen haben sich zahlreiche Gerüchte und Theorien entwickelt, die von manchen als Schwindel aber von anderen auch als Wahrheit aufgenommen werden. Die Mythisierung dieser Idee von intelligentem Leben außerhalb der Erde hat sich zum größten Pop-Mythos entwickelt, der nicht nur die westliche Welt einnimmt. Von Krieg der Welten über Star Wars bis zu Akte X findet der Mythos seinen Niederschlag in der Kultur. Dieser Vortrag widmet sich den Fragen nach den Funktionsweisen dieser Mythen, der gesellschaftlichen Verankerung und der Rezeption.

# 15 | 20. August 2014

Chris­toph Schrö­der: Zwi­schen Auf­be­geh­ren und Kul­tur­in­dus­trie | Pop­mu­sik unter den As­pek­ten der Ab­gren­zung, Au­then­ti­zi­tät, In­sze­nie­rung und Ver­mark­tung

„New York, London, Paris, Munich / Everybody talk about pop muzik”
(M – Pop Muzik, 1979)

Spätestens seit den 50er Jahren raufen sich Eltern in nordamerikanischen und westeuropäischen Haushalten regelmäßig die Haare über die wilden, körperbetonten Musikformen, die ihre aufwachsenden Kinder in den Bann ziehen. Und mit Zunahme von Breitbandverbindung in mittelständischen Haushalten, die Zugriff auf Filesharing und Streaming ermöglichten, beeinflusst popular music (kurz Pop, oder Pop-Musik) heutzutage weltweit Kulturen wie Subkulturen.

Seit einigen Jahren redet endlich auch die Wissenschaft über Pop-Musik. Ausgehend von den britischen Cultural Studies erhält die überwiegend jugendorientierte Klangkultur mittlerweile in den verschiedensten Wissenschaftsbereichen gebührende Aufmerksamkeit und wird verstärkt als eigener Forschungsgegenstand wahrgenommen. Beim ersten Blick auf den Forschungsstand scheinen dabei die Themen Jugend, Abgrenzung, Authentizität, Inszenierung und Vermarktung als nebeneinandergestellte Schlaglichter jeweils im Mittelpunkt zu stehen. Der Vortrag hat das Ziel, jene vermeintlichen Teilaspekte als zyklisches Narrativ zusammenzufügen, die ein Spannungsfeld aus künstlerisch-demokratischen Potentialen und kulturindustriellen Gefahren nachzeichnet, in dem sich Pop-Musik verorten lässt. Dabei gilt es zu berücksichtigen, welche Rolle die Hauptakteure Konsumenten, Produzenten und vermarktende Instanzen spielen und in welchem Verhältnis sie zueinander stehen.

Hier geht’s zum Appetizer!

# 16 | 17. September 2014

Michaela Plostica: Classic is the new Pop! Das Phänomen David Garrett

Spätestens seit den 2010ern avancierte der Aachener David Christian Bongartz, besser bekannt als „David Garrett“ mit seinem Geigenspiel zu einem medienpräsenten Vertreter der zeitgenössischen Popkultur. Besonders in Deutschland kann sich der rockaffine Violinist über eine von Erfolg geprägte Karriere freuen – so belegte beispielsweise sein 2010 erschienenes Album „Rock Symphonies“ nicht zuletzt eine Woche lang Platz eins in den Deutschen Charts.

Doch wie gelingt dem ruppigen Stoppelbart-Träger der Spagat zwischen verkaufsträchtiger Unterhaltungsmusik und elitär anmutender Hochkultur? Mit dieser und vielen weiteren Fragen um David Garrett beschäftigt sich Michaela Plostica in ihrer Masterarbeit, die sie zur kommenden Sitzung vorstellen möchte. Dabei wird zu untersuchen sein, an welcher Stelle sich Garrett von anderen Violinenvirtuos_innen wie etwa Ann-Sophie Mutter unterscheidet und welche Inszenierungsmechanismen bei seinen Auftritten wirksam werden. Wie wird das Image eines Popstars auf einen Geigenspieler projeziert und welche Rolle spielt dabei die Mediengestaltung und das Marketing? Wie geht Garrett mit einer Art von Musik um, die für seine breiten Hörerkreise ansonsten in den Verruf gerät, alt und verstaubt zu sein? (Zum Beispiel mit Beethovens 5. Symphonie) Erfahre mehr darüber bei einem bild- und klangreichen Vortrag im nächsten Pop-Kolloquium!

# 17 | 15. Oktober 2014

Rabea Koch: Cosplay – Manga – Japan: Zur kulturellen Praxis des Sichverkleidens

Durch die Verbreitung der japanischen Popkultur in den 70er Jahren entwickelten sich Mangas, Animes und Conventions zu einem weltweiten Phänomen. Aber erst in den 90er Jahren mit dem Erscheinen von Dragonball, Sailor Moon oder Pokémon erreichte der Anime- und Mangaboom auch Deutschland. Eine besondere Form der japanischen Populärkultur ist die kulturelle Praktik des Cosplays – eine Amalgamierung aus den englischen Wörtern ‚costume‘ und ‚play‘. Cosplay bedeutet nicht nur das Sichverkleiden als eine Figur aus einem Anime oder Manga, sondern auch die aktive Aneignung – das Spielen – des Alltags in Anlehnung an diesen fiktiven Charakter. Dabei ist nicht nur der Bezug zu Japan als Ursprungsland von Anime, Manga und Cosplay wichtig, sondern auch die vermeintliche Authentizität der Kostüme und das Spiel mit Genderrollen. Im Vordergrund des Vortrags stehen daher die Fragen nach den Selbstdarstellungen der Cosplayer im Alltag, sowie den Praktiken des Cosplays, die mit Hilfe von qualitativen Interviews untersucht und analysiert werden.

# 18 | 19. November 2014

Bettina Gierke: The Bear Necessities – Tierische Charakterentwicklung von der englischen Kinderbuchillustration zum Disney Megastar

jungle book

„Our goal in these studies is to make the audience feel the emotion of the character, rather than appreciate them intellectually.”
Ollie Johnston / Frank Thomas, in: The Illusion of Life. Disney Animation.

Mit diesem Satz fassen Frank Thomas und Ollie Johnston das alles dominierende Ziel zusammen, welches für den Disney Konzern seit seiner Gründung 1924 bis in die jüngste Gegenwart verbindlich ist. Einen Disney Film zu sehen, heiβt sich in eine heile Welt zu begeben, in der es durchaus zu Konflikten kommen kann, die aber immer mit dem Sieg des Guten über das Böse enden. So ist es ganz verständlich, dass die Helden Disneys wie Winnie the Pooh und Baloo als Inseln der Geborgenheit in unseren Alltag, der weniger von physischen Nöten als zunehmend mentalen Belastungen bestimmt ist, Einzug gehalten haben. Manchmal sehnen wir uns zurück in eine (ob real erlebte oder erfundene) idyllische Kindheit, in der Sorgen um Geld, Job und Zukunft weit weg sind, in der das Wunderland, der 100 Morgen Wald oder der tiefste Dschungel Indiens ideale Spielplätze voller Abenteuer und Gefahren aber auch das zu Hause unser loyalsten Freunde sind.
Und so soll es in meinem Vortrag nicht um die menschlichen Hauptfiguren dieser Geschichten gehen, sondern um jene, die diese magischen Ort beleben. Besonderer Fokus wird auf eine der Glanzzeiten des Disney Konzerns gelegt, in der unvergessliche Filme wie Alice in Wonderland (1951), 101 Dalmatians (1961), Winnie the Pooh (1966) und The Jungle Book (1967) entstanden. Wie wurden diese Ikonen des Kinderfilms kreiert? Eine weitere nicht ganz unwichtige Frage ist: Wo liegen die Wurzeln dieser starken Bilder?
Begleitet mich auf einer Reise zurück zu den verzauberten Orten.

„So they went off together. But wherever they go, and whatever happens to them on the way, in that enchanted place on the top of the Forest a little boy and his Bear will always be playing.”
A. A. Milne: Winnie-the-Pooh (1926)

# 19 | 17. Dezember 2014

Christian Steiner: The ‚S‘ stands for Justice – Was Hollywoods Superman unter Gerechtigkeit versteht

Er ist super stark, super schnell und super gerecht. Superman ist mit mehr als 75 Jahren Publikationszeit nicht nur der älteste amerikanische Comic-Superheld, sondern auch der Prototyp für alle, die nach ihm das Licht der Welt erblickten. Jahrzehnte lang bekämpfte er das Böse frei nach dem Motto „Truth, Justice and the American Way“.

Christians Vortrag wird sich deshalb dem Gerechtigkeitsbegriff in der Superman-Mythologie widmen. Dabei richtet er den Fokus auf die Spielfilm-Inkarnationen des Man of Steel. Was versteht der Hollywood-Superman überhaupt unter Gerechtigkeit? Woher nimmt er seine moralischen Überzeugungen? Welche ethischen Werte und Systeme vertritt er? Und vor allem: wie?

Hollywood entdeckte Superman frühzeitig für sich. Bereits im Jahr 1951 flog der Man of Tomorrow in „Superman vs. the Mole-Men“ über die schwarz-weißen Kinoleinwände. Doch erst im Jahr 1978 schrieb „Superman: The Movie“ auf vielen Ebenen Kino-Geschichte. Der Film startete nicht nur die Karriere von Christopher Reeve, sondern etablierte mit seinem Special-Effects-Feuerwerk und der Inszenierung die Blaupause für moderne Comic-Verfilmungen. Drei Fortsetzungen in den Jahren 1980, 1983 und 1987 folgten, die das schafften, was selbst Lex Luthor und Kryptonit vorher nie zu Stande brachten: Den einst gefeierten Superhelden aus dem Geschäft zu verdrängen. Erst die Neuinterpretationen von „Superman Returns“ (2005) und zuletzt „Man of Steel“ (2013) brachten den Urvater der kostümierten Gerechtigkeit erfolgreich zurück ins Kino. Christians Vortrag begibt sich deshalb auf die Reise durch die verschiedenen Jahrzehnte und Inkarnationen auf der Suche nach der größten (menschlichen) Superkraft: der Gerechtigkeit.

# 20 | 21. Januar 2015

Sebastian Bartosch: Orientalismus populär? Craig Thompsons Habibi und die Darstellbarkeit des Anderen im Comic

„Popular culture means absolutely nothing to me except as it surrounds me.“ – Edward W. Said (1992)

Sein Desinteresse an einer akademischen Auseinandersetzung mit Formen populärer Kultur hat der Literaturwissenschaftler Edward Said mehrfach und deutlich zum Ausdruck gebracht. Einem klassisch humanistischen Bildungs- und Kulturbegriff verhaftet, widmet er sich in seinen Studien Werken aus einem bereits etablierten literarischen Kanon – bzw. Texten von Autor_innen, die zu den politischen oder kulturellen ‚Eliten‘ gezählt werden. Diese Beschränkung findet sich auch in Saids wohl bekanntester und meistdiskutierter Arbeit: Orientalism (1978) widmet sich dem Nachweis der These, die westlichen Kulturen hätten ‚den Orient‘ als ihren Anderen konstruiert, um sich in der Abgrenzung der eigenen Identität und Überlegenheit versichern zu können. Den Orientalismus als diskursive Produktion dieses Anderen beschreibt Said dabei im engen Zusammenhang mit dem europäischen Kolonialismus des 18. und 19. Jahrhunderts, er verfolgt ihn aber zugleich von der griechischen Antike bis in die Gegenwart.
Dieser Ansatz ist nicht nur aufgrund seiner Tendenz zur ahistorischen Beschreibung kritisiert worden, sondern auch, weil er die vielen höchst unterschiedlichen populärkulturellen Erscheinungsformen des Orientalismus nicht berücksichtigt. So bleibt ein zentrales Potential des Populären unbeachtet, das hegemoniale Strukturen und dominante Ideologien eben nicht einfach reproduzieren muss, sondern diese immer auch unterlaufen und herausfordern kann. Diesen Möglichkeiten lässt sich insbesondere für das Medium des Comics nachgehen. Denn Comics ist nicht nur die Reproduktion stereotypisierender Abwertungen des Anderen nachgesagt worden, sondern auch ein Vermögen, kulturelle Grenzen zu überschreiten und die etablierten Darstellungskonventionen anderer Medien zu reflektieren. Zugleich ist der Comic medial und ästhetisch auf mehreren Ebenen von Grenzziehungen – zwischen Bild und Schrift, Panel und Panel, Panel und Seite(n) – bestimmt, die bei der Lektüre bestätigt, aber auch überschritten werden können. Dem Verhältnis zwischen der Medialität des Comics und einer in ihm verhandelten Dynamik kultureller Differenzierung wird der Vortrag am Beispiel von Craig Thompsons Habibi (2011) nachgehen, dem ein Rückfall in die gängigen Darstellungskonventionen des Orientalismus explizit vorgeworfen worden ist.

Literaturempfehlungen zum Thema:
Engelmann, Jonas (2013): Gerahmter Diskurs. Gesellschaftsbilder im Independent-Comic. Mainz: Ventil Verlag.
Frahm, Ole (2010): Die Sprache des Comics. Hamburg: Philo Fine Arts.
Macfie, Alexander Lyon (Hrsg.) (2000): Orientalism. A Reader. Washington Square, NY: New York University Press.
Said, Edward W. ([1978] 1994): Orientalism. New York: Vintage Books.

# 21 | 18. Februar 2015

Hendrik Vadersen: Die Augen als Schlüssel zur Seele – Verabredungen auf der Zeichenbene: Erzählmechanismen in Mangas

Mangas sind nicht einfach nur japanische Comics. Zwar haben Mangas u. a. einen Ursprung in der westlichen Comicwelt, aber sie erzählen andere Geschichten, bedienen sich daher vollkommen anderer Erzählmuster und schöpfen aus anderen Motivkontexten. Inwiefern sind Mangas Schemaliteratur? Welche Rolle spielen Haarfarbe und Augen in den Mangas? Welche Rollenbilder sind in Mangas vertreten? Etc. Diese Fragen bilden den Rahmen, um die Erzählstrukturen in Mangas zu verstehen. Ebendiese spiegeln die japanische Kultur auf eine ganz besondere Art und Weise wider. Hierfür bedienen sich Mangas sowohl der Text-, Bild- und Zeichenebene. Sie generieren daraus eine Erzählung, die stark von der westlichen Comicerzählung abweicht. Dies will ich anhand meiner Examensarbeit darlegen und Impulse anhand von neuen Beispielen aufzeigen.
Aber auch die Lust, Mangas zu lesen, soll nicht zu kurz kommen. Der Spaß an einer vielfältigen und intensiven Auseinandersetzung mit diesem Medium soll vermittelt werden, um diese Art der Comicwelt zu verstehen.

Literaturempfehlungen:
Gravett, P.: Manga – Sechzig Jahre japanische Comics, Köln 2004.
Brunner, M.: Manga, Paderborn 2010.

Mangas:
Kannagi, S. u. Odagiri, H.: Only the Ringfinger knows, Hamburg 2006.
Kube, T.: Bleach, Hamburg 2012.
Ikeda, R.: Die Rosen von Versailles, Hamburg 2003.
Tokita, K.: Gundam Wing, Gundam Wing, Köln 2001.

# 22 | 18. März 2015

Was ist Pop? Theorie- und Diskussionssitzung 2.0

Im Januar 2014 haben wir zum ersten Mal das Pop-Fässchen geöffnet. Die ersten Sitzungen bis dahin waren immer in Grundsatzdiskussionen darüber, was denn eigentlich ‚Pop’ sei, davongerutscht. Finaler Spielstand: wir wissen es nicht, aber wenn dann gibt es Pop im engeren und im weiteren Sinne. In den letzten Monaten schienen unsere Gegenstände diesbezüglich wenig kontrovers. Trotzdem würden wir nach über einem Jahr mit Euch gemeinsam gern mal wieder Bilanz ziehen. Und dazu haben wir uns ein neues spannendes Spiel ausgedacht!
Die Regeln müsst ihr natürlich vorher kennen und die hat Schiri Thomas Hecken angenehm knapp formuliert: ‚Pop: Aktuelle Definitionen und Sprachgebrauch’. Dann bringt Ihr an dem Abend alle ein Spielzeug mit, irgendwas, von dem ihr meint, dass es ‚Pop’ sei. Es kann ein Objekt ebenso wie ein Werk auf einem Trägermedium sein oder alles andere. Dann erklärt ihr der Runde, warum Ihr das mitgebracht habt und ob Ihr findet, dass die Spielregeln von unserem guten Schiri nur ein burlesker Einfall eines närrischen Denkerkopfes sind oder ob Ihr ihn zum ‚God of Pop’ erheben möchtet, weil er Euer Spielzeug ganz genau getroffen hat mit seinen Attributen.

# 23 | 15. April 2015

Hannah Bittner: Walther und Helene – 1000 Jahre Schlüpfrigkeit im Ohr der Massen

Ist Walther von der Vogelweide schuld daran, dass wir heute Helene Fischer kennen? Oder hat Helene einfach unabhängig ein Grundprinzip verstanden, das die Hörer_innen bewegt? Die Liebe bewegt Menschen heute genau wie vor 1000 Jahren und bringt uns zum Singen. Aber wo sind die Grenzen? Was war, was ist gesellschaftlich akzeptiert? Wer singt wirklich über „das eine“, und wen interessiert das überhaupt?

# 24 | 20. Mai 2015
Helge Gradert: Spotification oder der Mythos von der Befreiung der Musik

Die Befreiung

„Ich glaube: Kunst kommt nicht von können, sondern von Müssen!“ Muss Schönberg auch so sagen; macht schließlich Musik. Dass KünstlerInnenbiografien eher prekär sind, ist keine Neuigkeit. Die Musikmachenden haben jedoch gegenüber der bildenden Zunft ein Alleinstellungsmerkmal: Die Versprechungen von biografietragenden Finanzierungsmodellen sind unmittelbar an den Massenmarkt gebunden. Die Weltkonzerne Sony, Warner und wie sie noch alle heißen mögen verkaufen seit Jahrzehnten ein Produkt, das kleinste gemeinsame Nenner ausmacht, die Musik dahingehend im Falle der Notwendigkeit nach Belieben modifiziert und die produzierenden Kreativen an das untere Ende der Wertschöpfungskette setzt.

Der Antagonismus zwischen Majorlabel und DIY-Indie-Ästhetik prägte einen subkulturellen Popdiskurs, der aus strikt antikapitalistischer Perspektive in die Frage mündete, wie die Musik zurück in die Hände der Schaffenden und Hörenden geraten und somit den Klassenkampf zu Gunsten „der Guten“ entscheiden könnte. Kürzer: Wie befreit man die Musik?

Insofern wird es manchem/r gut geschmeckt haben, dass die riesigen Vermarktungsgebilde im Zuge der Vernetzung und Vernapsterung der beginnenden 2000er Jahre dezent ins Wanken gerieten. Musik war urplötzlich mit erschwinglicher Technik und geringem Knowhow ohne Kosten zu erhalten. Eine Wertdiskussion mit starken WortführerInnen kam zu dem Urteil, dass das auch so richtig wäre. „Musik ist Kultur, Kultur soll allen zur Verfügung stehen, ergo darf Kultur nichts kosten!“ war der kausalierende Imperativ, der freien Zugang zu allem gewährte, was klang und aus Passion entstand.

Die Musik war befreit, sprich: kostenbefreit… Allerdings nur für die Zuhörenden. Der einzige Nachteil für User bestand im persönlichen Risiko der relativen Illegalität der Beschaffung.

Insert Spotify…

Der Streamingdienst geriert sich als Institution, die allen Seiten gerecht wird. Er vertreibt Musik günstig bis umme und zahlt den Urheberrechtsinhabenden Tantiemen aus. Damit befreit er die EndverbraucherInnen vom Moraldruck und gibt den Labels eine Möglichkeit zur Monetarisierung ihrer akustischen Waren. Die User sind als Profiteure in der Vermarktungskette aufgestiegen.

Was aktuell bleibt, sind die zu befreienden KünstlerInnen. Die müssen noch!

Der Vortrag beleuchtet das Verhältnis von (Pop-)Schaffenden und dem Markt und seinen ProtagonistInnen anhand der Darstellung ihrer vorhandenen Abhängigkeitsstrukturen und Verteilungsprozesse. Im Besonderen stellt er die Frage, ob die Musik eigentlich zu befreien ist.

# 25 | 17. Juni 2015
Lukas Lindenberg: Wertevermittlung in Videospielen – Japanische und westliche Rollenspiele im Vergleich

Videospiele

Gamer – das sind doch diese ungepflegten, pubertierenden Jungen, oder? Und überhaupt: Videospiele fördern doch eh nur die Jugendgewalt, kreieren potentielle Amokläufer und führen zur Sucht!

Solche Klischees bestimmten jahrelang den medialen Diskurs über Videospiele und die Spielergemeinde. Auch gegenwärtig sucht man Wertediskurse in der Forschung vergeblich, da ein Großteil der Forschung weiterhin die Gewalt- und Suchtprävention abhandelt. Allerdings etabliert sich mit den game studies langsam eine neue Forschungsrichtung, die Videospiele als Kulturgut in der Mitte der Gesellschaft versteht. Der Erfolg populärer Spiele wie GTA 5 – eine Millarde Dollar Umsatz in 3 Tagen – gibt ihr Recht.

Dass Spiele wesentlich mehr können, als Jugendliche zu aggressiven, süchtigen Gewalttätern zu machen, will ich mit diesem Vortrag aufzeigen. Hierzu bietet sich das Spiel-Genre „Rollenspiel“ mit seinem Fokus auf Handlung und Geschichte an, die Möglichkeiten der Wertevermittlung zu analysieren. Wer allerdings noch nie etwas von Quests, EXP oder looten gehört hat, muss nicht verzweifeln. Der Vortrag beginnt quasi in der Steinzeit der Rollenspiele und nimmt euch mit auf eine Reise in fantastische Spielewelten. Was sind eigentlich Rollenspiele und wo kommen sie her? Welche narratologischen Möglichkeiten haben Spiele, Werte zu vermitteln? Welche Werte können überhaupt in Videospielen vermittelt werden? Und was hat das ganze verdammt nochmal mit Japan und „dem Westen“ zu tun?

# 26 | 15 . Juli 2015
Johanna Rödger: Die „wahre“ Geschichte – die Geschichte der Anne Boleyn in der Fernsehserie „Die Tudors“

Tudors

„Die wahre Geschichte des jungen Henry VIII.“ – das versprechen die Produzenten der Serie „The Tudors“ ihren Zuschauern. Zu sehen bekommt man eine opulente Seifenoper rund um Liebe, Sex und Macht. Szenerie und Kostüme erscheinen auf den ersten Blick historisch. Der Plot weckt gleichzeitig Erinnerungen an das eigene historische Wissen und zieht das Geschehen doch mit modern anmutenden Charakteren in die Gegenwart, lädt zur Identifikation ein. Im Zentrum der ersten beiden Staffeln: Henrys Beziehung zu seiner zweiten Frau Anne Boleyn. Besonders ihr Bild wird aktuell sehr stark von der Darstellung in „The Tudors“ geprägt. Doch wie wahr ist nun die Geschichte, die „The Tudors“ erzählt? Gibt es historische Wahrheit überhaupt? Und wenn ja, wie viel kann das Medium Fernsehen davon transportieren?